5. GSN-Summit
19. & 20. Mai 2026
Rückblick
5. GSN-Summit
19 & 20. Mai 2026
Spreespeicher Berlin
5. GSN-Summit: Nachhaltigkeit braucht Vertrauen, Haltung und strategische Ausrichtung
Beim fünften GSN-Summit am 19. und 20. Mai im Spreespeicher Berlin diskutierten Vertreter:innen aus Versicherungs- und Finanzwirtschaft, Aufsicht, Wissenschaft und Beratung, wie Klima- und Greenwashing-Risiken, Regulierung, Biodiversitätsverlust und soziale Nachhaltigkeit die Branche verändern. Deutlich wurde: Nachhaltigkeit darf nicht als reines Berichtsthema aufgefasst werden. Sie betrifft Geschäftsmodelle, Risikomanagement, Kund:innenschutz, Versicherbarkeit und die gesellschaftliche Verantwortung der Finanz- und Versicherungswirtschaft.
Klimarisiken werden zu Finanzrisiken
Ein zentrales Thema des Summits war die Frage, wie Klimarisiken zunehmend zu Finanzrisiken werden. In seiner Keynote machte Diplom-Meterorologe Sven Plöger deutlich, dass es beim Klimawandel weniger an Wissen als an konsequentem Handeln fehlt. Klimaveränderungen würden häufig unterschätzt, weil sie als schleichender Prozess wahrgenommen werden und nichtlineare Entwicklungen schwer greifbar sind. Der Appell: Transformation muss stärker über positive Zukunftsbilder, Handlungsfähigkeit und Entschleunigung kommuniziert werden und nicht nur über Verzicht. Auch Prof. Dr. Markus Zimmer (Duale Hochschule Bade-Württemberg und Allianz Research) zeigte, dass Klimafolgekosten längst finanzwirtschaftliche Relevanz haben. Wenn Schäden durch Extremwetter nicht vermieden oder nicht versichert werden, verlagern sich Risiken auf Haushalte, Unternehmen und den Staat. Versicherungslücken werden damit zu einem makrofinanziellen Übertragungskanal. Steigende Prämien, höhere Selbstbehalte und der Rückzug aus Hochrisikoregionen können Beleihungswerte, Kreditverfügbarkeit und Investitionsentscheidungen beeinflussen. Die zentrale Schlussfolgerung: Nicht-Anpassung ist keine tragfähige Strategie. Philipp Bäcker von der R+V Versicherung griff diese Perspektive aus Sicht der Assekuranz auf. Versicherer müssen ihre Rolle im Klimawandel weiterentwickeln: von reinen Schadenregulierern, hin zu Präventions-, Resilienz- und Transformationspartnern. Dazu gehören klimaangepasste Prämien, Frühwarnsysteme, resilientere Gebäude, intelligente Raumplanung und neue Beratungsansätze. Versicherbarkeit wird damit zunehmend zu einer Standort-, Stabilitäts- und Investitionsfrage.

















Risikomanagement: Szenarien als strategisches Steuerungsinstrument
Auch für das Risikomanagement der Versicherer ergeben sich neue Anforderungen.Dr. Dietmar Schölisch von der Provinzial zeigte, dass Nachhaltigkeitsrisiken zwar regulatorisch häufig bestehenden Risikoarten zugeordnet werden, ihre tatsächliche Wirkung aber quer zu klassischen Risikokategorien verläuft: Physische, Transitions-, Reputations- und strategische Risiken greifen ineinander. Am Beispiel von Klimawandelszenarien wurde deutlich, wie sich ein verzögerter Übergang in eine klimaneutrale Wirtschaft auf Kapitalanlagen, Zielgruppen, Geschäftssegmente und Solvenz auswirken kann. Szenarioanalysen sollten daher nicht als reine Pflichtübung verstanden werden. Sie können vielmehr helfen, vulnerable Kund:innengruppen zu identifizieren, Transformationsrisiken zu bewerten und strategische Entscheidungen vorzubereiten.
Transformation braucht glaubwürdige Pläne
Besonders deutlich wurde der strategische Anspruch beim Beitrag der BarmeniaGothaer zu Klima-Transitionsplänen: Svetlana Thaller-Honold beschrieb den Transitionsplan als dynamisches Steuerungsinstrument, das Kapitalanlage, Versicherungsgeschäft, Schadenmanagement und Betrieb miteinander verbinden muss. Netto-Null-Ziele hängen nicht allein von internen Maßnahmen ab. Sie werden beeinflusst von politischen Rahmenbedingungen, technologischen Entwicklungen, Realwirtschaft, Kapitalmärkten und der Transformationsbereitschaft von Kund:innen. Die Diskussion zeigte: Klimatransition ist kein linearer Prozess. Versicherer müssen Dekarbonisierung, Profitabilität, Datenverfügbarkeit, Kund:innenverhalten und regulatorische Erwartungen gleichzeitig steuern. Transformationspläne tragen dazu bei, Nachhaltigkeit vom Reporting in die Unternehmenssteuerung zu überführen.
Green Claims und Klimaklagen: Glaubwürdigkeit wird haftungsrelevant
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Glaubwürdigkeit von Nachhaltigkeitskommunikation. Dr. Meike Gebhard , Geschäftsführerin der UTOPIA GmbH, erläuterte, wie die kommende EmpCo-Richtlinie die Anforderungen an Umwelt- und Nachhaltigkeitsaussagen deutlich verschärft. Allgemeine Begriffe wie „grün“, „nachhaltig“ oder „klimaneutral“ werden künftig stärker begründungspflichtig oder in bestimmten Konstellationen unzulässig. Für Unternehmen bedeutet das: Green Claims müssen konkret, belegbar und verständlich sein. Für Finanzdienstleister entsteht daraus ein doppelter Anspruch: Sie müssen Nachhaltigkeitsaussagen rechtssicher belegen und zugleich so kommunizieren, dass Kund:innen sie einordnen können. Greenwashing-Risiken betreffen damit nicht nur Marketing und Kommunikation, sondern auch Governance, Produktentwicklung, Datenmanagement, Recht und Nachhaltigkeitsstrategie. Ergänzt wurde diese Perspektive durch die Auseinandersetzung mit Climate Litigation. Lydia Savill und Dr. Moritz Voit von Hogan Lovells zeigten, dass Klimaklagen weltweit reifer, strategischer und wirkungsorientierter werden. Auch wenn die Zahl neuer Verfahren zuletzt leicht zurückging, steigt die Bedeutung einzelner Fälle mit Präzedenzwirkung. Für die Assekuranz entstehen daraus Risiken in unterschiedlichen Sparten – von D&O über Haftpflicht und Environmental bis zu Professional Indemnity. Gleichzeitig geraten Versicherer selbst durch ESG-Aussagen, Investitionsentscheidungen und Underwriting-Strategien stärker in den Fokus.
Biodiversität: Naturkapital wird zum Finanzrisiko
Biodiversität und Naturkapitalrisiken erweiterten den Blick über klassische Klimathemen hinaus. Dr. Ralf Lütz von BNP Paribas zeigte, dass der Verlust funktionierender Ökosysteme erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen haben kann. Mehr als die Hälfte der globalen Wirtschaftsleistung ist laut den vorgestellten Studien moderat bis stark von Natur und Ökosystemleistungen abhängig. Eine weitere zentrale Erkenntnis: Naturbezogene Risiken können Lieferketten, Kreditportfolios, Kapitalanlagen und Geschäftsmodelle gleichermaßen betreffen. Für Banken und Versicherer bedeutet dies, Abhängigkeiten von Ökosystemleistungen systematischer zu analysieren und in Risikomanagement, Kreditprozesse und Portfoliosteuerung zu integrieren. Biodiversitätsrisiken wurden auf dem Summit nicht als isoliertes Umweltthema verstanden, sondern als potenzielle Verstärker finanzieller und systemischer Risiken
Soziale Nachhaltigkeit beginnt in der Organisation
Neben ökologischen und regulatorischen Fragen rückte der Summit auch die soziale Dimension von Nachhaltigkeit in den Fokus. Anke Holste von der LVM Versicherung zeigte, wie soziale Gesundheit, Empathie und psychologische Sicherheit zu zentralen Grundlagen nachhaltiger Unternehmen werden. Betriebliches Gesundheitsmanagement wurde dabei nicht nur als Prävention, sondern auch als Risikomanagement und Teil sozialer Nachhaltigkeit eingeordnet. Yolanda Rother von The Impact Company erweiterte diese Perspektive um Diversity, Equity & Inclusion sowie Antidiskriminierungsarbeit. Ihre Keynote machte deutlich, dass Organisationen keine neutralen Räume sind. Sie sind geprägt durch Routinen, Sprache, Führungsbilder, Bewertungskriterien und Machtverhältnisse. Für Unternehmen bedeutet soziale Nachhaltigkeit daher mehr als einzelne Programme: Sie betrifft Kultur, Führung, Teilhabe und die Bereitschaft, bestehende Strukturen kritisch zu hinterfragen.
Nachhaltigkeit als Managementaufgabe
Der fünfte GSN-Summit zeigte eine Branche in der Neuausrichtung. Nachhaltigkeit darf nicht allein über Berichte, Kennzahlen oder regulatorische Erfüllung definiert werden. Sie entscheidet darüber, wie Risiken bewertet, Produkte gestaltet, Kapital gelenkt, Schäden gemanagt und Kund:innen in Transformationsprozessen begleitet werden. Für Versicherer und Finanzdienstleister entsteht daraus eine anspruchsvolle Managementaufgabe: Sie müssen Risiken absichern, nachhaltige Entwicklung ermöglichen und zugleich die eigene Glaubwürdigkeit sichern. Die ESG-Transformation bleibt komplex, konfliktbehaftet und abhängig von vielen externen Faktoren. Gerade deshalb kann und sollte die Versicherungsbranche eine Schlüsselrolle einnehmen.
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